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Tennistrainer – wenn das Hobby zum Beruf wird




Tennis-Trainer Gregor Baron (r.) beim Training mit dem LVZ-Redakteur Frank Schober (l.) auf der Anlage des TC R.C. Sport am Elsterwehr. Foto: Dirk Knofe


Personal Coaching funktioniert in der Region nur in ganz wenigen Sportarten. Im Tennis gibt es erstaunlich viele Angebote – die LVZ hat einige getestet (R.C. Sport unter Training 4).


Ob Kraulschwimmen, Golf, Fußball: Viele Sportlerinnen und Sportler wollen ihre Technik verbessern, doch es fehlen in Leipzig und Umgebung die Personal Coaches. Sucht man dagegen einen Klavierlehrer, spucken die Suchmaschinen allein in Leipzig auf den ersten Klick 55 Angebote aus. In der Fitnessbranche findet man immerhin 24 Trainer auf Anhieb. Mithalten kann da nur eine Sportart: Tennis. Die Nachfrage an Kundinnen und Kunden aller Altersgruppen ist sehr groß – aber im Gegensatz zum Golf mittlerweile auch das Angebot. Tennis ist eine beliebte Sportart von Jung bis Alt. Auch Spielerinnen und -Spieler, die nichts mit dem Wettkampfbetrieb am Hut haben, wollen Vorhand, Rückhand, Volley, Aufschlag verbessern, um gegen die Nachbarin und den Nachbarn, die Kollegin oder den Kollegen nicht länger zu verlieren. In den 1980er Jahren gab es den Beruf des Tennistrainers in der Region nicht, der heute 77 Jahre alte Rainer Becker vom Leipziger SC war in den 90ern der Vorreiter und konnte als einer der ersten Trainer vom Tennissport leben, ohne von Fördermitteln abhängig zu sein. Heute existiert bei den größten Tennis-Vereinen der Stadt eine Tennisschule mit mehreren hauptamtlichen und vielen Honorar-Trainern, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten oder Stunden parallel zum Studium anbieten. Die LVZ hat zu Beginn der Freiluftsaison vier Tennistrainer auf vier Anlagen der Stadt getestet. Einen freien Termin zu finden, erwies sich zunächst als Hürde. Das lag nicht nur an den vollen Terminkalendern des Redakteurs und der Coaches. Der Start in die Freiluftsaison war auch witterungsbedingt holprig. Viele Plätze waren noch nicht wie erhofft Ostern spielbereit – wirtschaftlich nicht einfach für die Anbieter. Viele Trainingseinheiten fanden morgens bei 2 bis 5 Grad statt. Da hatte Morgenstunde nicht Gold im Munde, vielmehr bibberten die Trainer und trugen Handschuhe. Zwei der vier Trainer waren ausgerechnet zum boomenden Saisonstart krank. Doch die vier Termine kamen zustande. Der Redakteur sieht sich als Autodidakt mit 25 Jahren Tennis-Erfahrung eher als (leicht) fortgeschritten und war gespannt, welche Hinweise er erhält. Eins vorweg: Auf eine Bewertung der Probestunden habe ich bewusst verzichtet. Ich traf überall auf kompetente und sehr freundliche Trainer, die das Wechselspiel zwischen Fehleranalyse und lobenden Worten bestens beherrschen.

▶ Training 1: Die Freiheit der Bewegung zulassen Der erste Termin führt mich auf die Neue Linie: Auf der Anlage der SG LVB am Wildpark hat sich Sebastian Dietrich eingemietet. Der 42-Jährige ist als Tennistrainer selbstständig, bietet auch Stunden beim TC Markkleeberg an und wird bei Google ganz oben angezeigt, wenn man nach „Tennistrainer Leipzig“ sucht. Dietrich ist unter anderem der Tennis-Trainer von Fußballtrainer Robert Klauß, der gegenüber der LVZ nur lobende Worte über seinen Übungsleiter fand. Der gebürtige Leipziger legt großen Wert auf jedes technische Detail. Die größte Überraschung für mich: Als erster Fehler fällt dem Coach meine um 15 Grad mangelhafte Schlägerhaltung auf. Auch, dass der Schläger bei der Rückhand anders in der Hand liegen sollte, war mir nicht bewusst. Eine andere Schwäche werden alle vier Trainer ansprechen: Der Schlag darf nach Treffen des Balls nicht abrupt abgebremst werden! Vielmehr soll die Bewegung fortgeführt, der Schläger Richtung andere Schulter ausgeschwungen werden. Empfahl Dietrich der Klientin vor mir noch mehr Spannung im Rumpf, empfahl er mir, dies nicht zu übertreiben: „Du musst die Freiheit der Bewegung zulassen.“ Ich spürte, dass Cross-Bälle (diagonal) der natürlichen Bewegung eher entsprechen als die viel schwierigeren Longline-Schläge. Oftmals fragt Dietrich seine Kunden: „Warum ist der Ball missglückt?“ und fördert so die Selbsteinschätzung. Damit ich aufgrund der vielen Hinweise nicht anfange zu verzweifeln, kam als „Angebot zur Güte“ der Satz: „Am Ende geht es darum, den Ball ins gegnerische Feld zu spielen.“ In dem Punkt bin ich gar nicht so schlecht.

▶ Training 2: Das Ballgefühl kommt plötzlich zurück Das zweite Probetraining steigt am Sportforum. Trainer Christian Jauernig ist 31 Jahre jung. Er hat zunächst einen „ordentlichen Beruf“ gelernt, aber schon während des Studiums hat der Maschinenbau-Ingenieur viel auf dem Sandplatz gestanden. 2019 wechselte er von seiner Coburger Heimat nach Leipzig und nahm eine freie Stelle an der Leipziger Tennisschule des LTC 1990 an – einer gemeinnützigen Tennisschule, die nicht profitorientiert arbeitet, sondern dem Verein etwas zurückgeben will. Wir haben Glück mit dem Wetter, drei Stunden vor mir musste Jauernig eine Einheit wegen eines 20-minütigen Platzregens abbrechen. Ich habe zunächst einen ganz schlechten Tag und null Ballgefühl, spiele beim lockeren Beginn ins kleine Feld meist zu lang oder ins Netz. Doch der Coach strahlt Ruhe aus – meine Sicherheit kommt beim Spiel von der Grundlinie plötzlich zurück, ich treffe sogar mit der Rückhand 80 Prozent, also besser als gewöhnlich. Seine wichtigsten Hinweise: Das Racket beim Schlag wie die Profis parallel zum Netz halten – sonst gehen die Bälle in die Maschen oder weit ins Aus. Und der Trainer betont: Bälle ins Netz sind ein No Go. „Lieber einen Tick zu lang schlagen – dann kann eine Windböe den Ball immer noch ins Feld befördern.“ Als ich dann doch mal meilenweit ins Aus spiele, liegt der Grund auf der Hand: „Das ist im Tennis wie im Fußball: Du musst Rücklage vermeiden.“ Jauernig ist letztlich mit meinen Schlägen zufrieden – auch, als ich noch ein paar Aufschläge zeige. Die drei Trainer betreuen beim LTC übrigens zu 80 Prozent Kinder und Jugendliche. Freitags (19 Uhr) bietet die Tennisschule an der Nordanlage eine kostenfreie Schnupperstunde an.

▶ Training 3: Schon die Erwärmung hat es in sich Frühaufsteher-Training in Schleußig um 8 Uhr: Ich habe die Muskeln bereits auf dem Fahrrad auf dem Weg zum LSC 1990 in Schwung gebracht, doch damit gibt sich Trainerin Mareike Steinbach nicht zufrieden. „Bei uns beginnt jede Stunde mit einer Erwärmung. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ohne regelmäßige Erwärmung die Verletzungsanfälligkeit steigt“, sagt die 37-Jährige, deren Akademie TAM auch beim ATV 1845 und in Halle/Saale Training anbietet. Die Erwärmung für Rumpf, Beine, Schulter, Handgelenke findet ohne Schläger statt, die ersten Bälle des Tages muss ich mit den Händen antippen oder fangen, wobei alle Sinne geschärft werden. Ich weiß nicht, ob die Trainerin den nächsten Ball nach rechts oder links wirft. Beim Spiel von der Grundlinie kommen Hütchen zum Einsatz, um die Beinarbeit beim Vor- und Zurücklaufen zu schulen. Der entscheidende Longline-Ball soll aus der Bewegung gespielt werden – ich schlage mich tapfer. Als ich mich schon erfolgreich am Ende wähne, kommt von Mareike Steinbach der entscheidende Hinweis: „Der wichtigste Schlag ist der Aufschlag. Den üben wir immer am Ende. Viele spielen nur Bälle hin und her. Aber ohne Aufschlag kommt kein Spiel zustande.“ Auch wenn technisch nicht alles perfekt ist, bekomme ich ein Lob für meinen Service. Dann verabschieden wir uns – die nächste Kundin soll nicht warten.

▶ Training 4 (beim R.C. Sport): Attacken ans Netz nie halbherzig ausführen Training Nummer vier führt mich in der Mittagshitze zum TC RC Sport. Am Elsterwehr steht Trainer Gregor Baron seit 20 Jahren von Ostern bis Ende Oktober täglich von 8 bis 19 Uhr auf dem Platz, nur freitags gönnt sich der 44-Jährige etwas früheren Feierabend. Der Sachse wurde in eine echte Leipziger Sportlerfamilie geboren, er dreht im Hintergrund auch beim Regionalligateam seines Vereins an vielen Stellschrauben. „Es macht mir Spaß, mit vielen unterschiedlichen Menschen zu arbeiten“, so sein Credo. Die wachsende Stadt mit 50 000 mehr Einwohnern in den vergangenen Jahren sei förderlich für die Tennisschulen, die dennoch für sich werben müssten. Vormittags und Mittags kommen viele Erwachsene, ab 14.30 Uhr die Jugend. Baron arbeitet mit sieben ehrenamtlichen Trainern und findet es gut, dass die Leistungsorientierten und angehenden Profis beim TLZ Espenhain eine Heimat gefunden haben. „Dort wird unter Akademie-Bedingungen mehrfach täglich trainiert. Dieser Aufwand wäre in einem Verein unserem zu groß.“ Wie alle Vereine betreut das TLZ zudem Hobby-Spieler. Baron punktet bei RC Sport mit einer ruhigen und freundlichen Ansprache, er achtet auf einen festen Griff und lässt mich viele Grundlinienschläge aus der Bewegung heraus ausführen, um Beinarbeit und Timing zu schulen. Beim Netzangriff achtet er darauf, dass ich nicht halbherzig an der „T-Linie“ stehen bleibe, sondern konsequent attackiere. Nach zwei Cross-Bällen soll ich Longline angreifen. Vier von zehn Punkten gehen überraschend an mich. Ich vermute, der Trainer war nur zu faul zu laufen und gönnte mir ein Erfolgserlebnis. Doch Baron sagt: „Klasse, den Ball konnte ich nicht kriegen.“ Guter Witz. Wie Mareike Steinbach lässt er mich so lange spielen, bis ich die Stunde mit einem erfolgreichen Ball abschließe.

▶ Eine Stunde kostet im Schnitt 45 Euro ohne Platzgebühr Was kostet eine Stunde eigentlich? Dies hängt unter anderem von der Tageszeit und zudem davon ab, ob die Kundinnen und Kunden bereits Vereinsmitglied sind. In dem Fall würde die Platzgebühr entfallen. Ansonsten kommen auf durchschnittlich 45 Euro für den Trainer noch rund 15 Euro für den Platz obendrauf. Abhängig sind die Kosten auch von der Uhrzeit. Sebastian Dietrich zum Beispiel hat seine Preise auf der Homepage veröffentlicht. Er nimmt 60 Euro pro Stunde, bei einer Zehnerkarte sind es 50 Euro. In der Stoßzeit (15 bis 19 Uhr) sind Plätze meist sehr gut gebucht oder teurer. Ich treffe beim LSC auch Rainer Becker, der seit 1951 in Schleußig Vereinsmitglied ist und schon vor 30 Jahren den Mut hatte, sich als Trainer selbstständig zu machen und damals in Duisburg als Aufbau-Ost-Hilfe die hohe vierstellige Summe für den staatlich geprüften Tennislehrer erlassen bekam. Als Coach habe er in den 90er Jahren 40 D-Mark je Stunde von seinen Klienten genommen. Noch heute gibt der sportliche Rentner als preiswertester Coach für 24 Euro einzelne Stunden.

▶ TAM bietet ein Fast-Learning-Programm beim LSC und ATV Eine besondere Form des Anfängertrainings bietet die TAM-Akademie (LSC/ATV) an: Dort üben bis zu zwölf Anfänger unter der Überschrift „Fast Learning“ im ersten Step zehn Stunden lang gemeinsam, wobei die Bälle anfangs nicht übers Netz gespielt werden. Zwei weitere Stufen des „Fast Learning“ können hinzugebucht werden. Getestet habe ich die Tennis-Schulen der großen Vereine – doch das Angebot ist größer. Gelobt werden von den Kollegen die Tennisschulen in Machern (Oleg Barsukov), Markranstädt (Gunter Baumann) oder bei Blau-Weiß Leipzig (Alexander Meißner). Zum Freiluft- und Hallentraining gibt es geteilte Auffassungen. Einige Vereine bedauern die geringe Hallenkapazität. Nicht alle Kunden, die man im Sommer gewonnen hat, können in der Halle betreut werden. Mareike Steinbach meint: „Die Hallensaison hat eine große Bedeutung, sie nimmt mindestens die Hälfte des Jahres ein und wir trainieren auf verschiedenen Belägen.“ Sebastian Dietrich nennt den Vorteil unterm Dach: „Da findet das Training zu 100 Prozent statt und fällt nie wegen des Wetters aus.“ Bis Ende Oktober wird nun auf den vielen Freiplätzen gespielt. Darin sind sich alle einig: Das Tennistraining an der frischen Luft macht am meisten Spaß.


Quelle: LVZ, 13.05.2023, Text Frank Schober

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